Zwei Gaijin auf dem Moiwayama
An einem warmen Juni-Vormittag machte sich unsere kleine 2-Mann-(oder politisch korrekt: 2-Frau-)Expedition auf, den Moiwa, den 531 Meter hohen Hausberg Sapporos, zu bezwingen.
Die erste Herausforderung bestand darin, den Fußweg zum Gipfel zu finden. Wir fuhren mit U-Bahn und Straßenbahn bis zu Haltestelle 電車事業所前 (densha jigyôsho mae vor dem Straßenbahndepot) und begaben uns zur Talstation der Seilbahn. Wir sahen keine Schilder, die für uns auf den Zugang zum Berg hindeuteten, auch wenn ich einige rudimentäre Japanischkenntnisse besaß (ich hatte im Dezember des Vorjahres die Stufe 4 des JLPT bestanden) und meine Begleiterin zumindest einiger Kanji mächtig war (sie hätte am liebsten ein Schild mit der Aufschrift 山口 gesehen, was sie als Zugang zum Berg interpretiert hätte). Es war auch keine Wanderkarte zu sehen, so daß ich mich gezwungen sah, eine Frau auf dem Gelände der Talstation nach dem Weg zu fragen. Ich schaffte es, ihr unser Anliegen verständlich zu machen, den Moiwa zu Fuß zu besteigen, doch von der Antwort verstand ich nur Bruchstücke. Offenbar befand sich der Aufstieg nirgendwo in der unmittelbaren Nähe. Wir überlegten schon, ob wir notgedrungen die Seilbahn nehmen sollten und betraten das Gebäude. Zu unserem Glück befand sich dort eine Gruppe junger Leute mit einer slawischen Muttersprache, die dasselbe Anliegen hatten wie wir und die sich gerade auf englisch von dem Schalterbediensteten den Weg erklären ließen. Der Herr zeigte ihnen auch eine laminierte Karte mit dem Weg, es gab jedoch offensichtlich keine Exemplare zum Mitnehmen. Möglicherweise wollte man der potentiellen Kundschaft nicht zuviel Anreiz bieten, den Preis für die Auffahrt zu sparen.
Wir folgten zuerst den Osteuropäern, doch als diese nach einiger Zeit links abbogen (es gab ein Hinweisschild sogar auf englisch zu einer Kläranlage), beharrte meine Begleiterin darauf, daß wir noch nicht an dem Shintô-Schrein und dem Krankenhaus vorbeigekommen seien, die auf der Karte eingezeichnet gewesen seien, und auch noch keine Spur von dem buddhistischen Tempel zu sehen sei, der unmittelbar nach der richtigen linken Abzweigung liege. So liefen wir weiter die Straße entlang, und tatsächlich, das Krankenhaus kam erst noch und auch die roten Tore einer Schreinanlage, und als wir dann links abbogen, lag rechter Hand tatsächlich der Tempel. Wir schienen also auf dem richtigen Weg zu sein.
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Wir besichtigten zunächst kurz die Tempelanlage, und ich kaufte mir an dem dort befindlichen Getränkeautomaten, der so gar nicht zu dem Standbild des dreiköpfigen Buddha daneben passen wollte, eine Flasche kaltes Wasser, da ich aufgrund des halbstündigen Fußmarsches in der prallen Sonne bereits mächtig schwitzte. Etwa hundert Meter hinter dem Tempel begann dann tatsächlich ein kleiner Fußweg durch den Wald. Das mußte der Aufstieg sein.
Kurz nach dem Eingang in den Wald stießen wir auf ca. 20 Japaner, die mit Teleskopen oder Kameras mit gewaltigen Objektiven nach irgend etwas im Wald Ausschau zu halten schienen. Wir konnten allerdings nicht entdecken, worum es sich handelte.
Wenige Zeit später, es ging bereits kräftig bergauf, wurden wir von einem Jogger mit pinkem Trainingsanzug und Stirnband überholt, der offenbar den Berg im Laufschritt erklimmen wollte. Und tatsächlich kam uns dieser Herr, als wir noch lange nicht den Gipfel erreicht hatten, wieder entgegen. Wir nahmen dies mit einer Mischung aus Be- und Verwunderung zur Kenntnis, hielten wir es doch für ein wenig exzentrisch, bei der vorherrschenden Hitze (wir hatten nicht gedacht, daß es auf Hokkaidô, wo im Februar der Schnee über einen Meter hoch gelegen hatte, so heiß werden würde) und Luftfeuchte derartige körperliche Anstrengungen auf sich zu nehmen. Doch die Japaner gelten ja als hart im Nehmen, und wir erlebten während unseres Aufstiegs noch etliche Beweise dafür. Denn während der Jogger vielleicht in unserem Alter gewesen war, war der überwiegende Teil der übrigen Wanderer schon weit über 50. Kein Wunder, es war Dienstag; welcher Japaner im arbeitsfähigen Alter hat da schon Zeit, einen Berg zu besteigen?
Doch viele der rüstigen Rentner machten den Eindruck, als würden sie die etwa 400 Meter Höhenunterschied täglich bewältigen. Viele schienen sich zu kennen, man begrüßte sich, wechselte ein paar Worte. Und vor allem überholte man uns bei den zahlreichen kleinen Päuschen, die wir machten. Und man nahm es sich nicht, uns belehren zu wollen. So bedeutete ein Herr uns, nicht auf dem Boden sitzen zu bleiben, sondern uns auf den in der Nähe liegenden Baumstamm zu setzen (der Baumstamm lag allerdings in der Sonne, und wir verspürten nicht die geringste Lust auf ein Sonnenbad). Ein anderes Mal wurden wir von einer älteren Japanerin darauf hingewiesen, daß unserer Rücksäcke verdreckt seien. Sie klopfte mit ihren weißen Handschuhen (insbesondere japanische Frauen vermummen sich im Sommer gern mit Kopfbedeckungen und Handschuhen, um der Sonnenbräune zu entgehen) den Staub ab. Wir fanden dieses Verhalten ein wenig aufdringlich, doch wir brachten den uns begegnenden Japanern immer ein höfliches Konnichi-ha entgegen. Einmal wurden wir, natürlich ebenfalls von einem älteren Herrn, auf englisch gefragt, woher wir kämen. Wir schienen durchaus eine Art Attraktion, zumindest jedoch eine Abwechslung für die bergsteigenden Rentner zu sein. Einmal begrüßte uns jemand sogar mit Grüß Gott, er mußte wohl gehört haben, daß wir uns auf deutsch unterhielten.
Der Aufstieg war zwar nicht übermäßig lang, aber eben doch recht steil, und auf jeden Fall anstrengend. Als wir an der Bergstation ankamen, hielten wir unseren jeweils hochroten Kopf unter den freundlicherweise dort zur allgemeinen Benutzung freigegebenen Wasserhahn.
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Die Slawen sahen wir nicht wieder. Keine Ahnung, ob sie den Aufstieg noch fanden oder ob sie es aufgaben.
Wir ruhten uns etwa eine Stunde auf einer Wiese auf dem Gipfel aus, wo sich auch andere, teilweise besser ausgerüstete Wanderer niederließen, und machten dann an den Abstieg, der naturgemäß schneller vonstatten ging als der Aufstieg.
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Fazit: Es war ein anstrengendes, aber schönes Erlebnis, den Berg zu besteigen. Die grünen Bergwälder mit den immer wieder am Wegesrand aufgestellten kleinen Jizô-Statuen sind durchaus sehr reizvoll. Von einer Fahrt mit der Seilbahn des Ausblicks auf Sapporo wegen würden wir jedoch abraten, denn von der Sprungschanze des Okurayama aus bietet sich mit Abstand der beste Blick auf die Stadt.
Weitere Informationen zu Japan finden Sie an vielen Stellen, aber unter anderem auch hier:
http://www.thomas-golnik.de/japan.html
http://www.gesine-stanienda.de/japan/japan.html