Die Nacht im Daisetsuzan-Nationalpark – Ein kulinarisches Abenteuer

大雪山国立公園での夜―料理の冒険 

 

Das größte Abenteuer unserer Reise war unser Abstecher nach Asahidake Onsen (旭岳温泉), einem kleinen Urlaubsort mit Thermalquellen auf 1.100 m Höhe im Daisetsuzan-(auch Taisetsuzan-)Nationalpark. Der Ort befindet sich an der Talstation der Seilbahn, die bis auf 1.600 Meter Höhe des ebenfalls Asahidake genannten Berges, dem mit 2.291 höchsten Berg der Daisetsuzan-Vulkangruppe führt, der gleichzeitig der höchsten Berg Hokkaidos ist. „Ort“ ist eigentlich zuviel gesagt, denn es gibt dort neben der Seilbahnstation nur noch eine Handvoll Hotels, jeweils in ca. 100 bis 200 m Abstand links und rechts an der Straße. Wir hatten im dortigen „Grand Hotel Daisetsu“ für die Nacht vom 20. auf den 21.05. eine Übernachtung in einem japanischen Zimmer gebucht.

Da der Wetterbericht eine Verschlechterung der Wetterlage anzeigte, fuhren wir bereits am 19.05. von Asahikawa zu der Seilbahnstation, um den Berg noch bei gutem Wetter mitnehmen zu können. An dem einen Kassenschalter befand sich ein Verweis auf den anderen Schalter, und an diesem war lediglich ein kleines schwarzes Brett vorgeschoben worden, auf dem nichts stand und das jederzeit hätte entfernt werden können. Außerdem war im Hintergrund des Schalterraumes ein Mitarbeiter zu sehen, von dem wir annahmen, daß dieser jede Minute den Schalter öffnen würde. Wir warteten eine knappe halbe Stunde, bis wir aus dem angeschlagenen Kalender bzw. dem Werbeprospekt der Station entnahmen, daß die Bahn bis einschließlich dieses Tages wegen Wartungsarbeiten außer Betrieb war. In dieser Zeit hatten uns etwa 10 Japaner gesehen, von denen mindestens zwei offensichtlich zu der Seilbahnstation selbst gehörten und nicht zu den Wartungstechnikern, ohne daß uns jemand angesprochen und darauf hingewiesen hätte, daß die Seilbahn nicht funktionierte.

Am 20. hatte sich das Wetter der Vorhersage entsprechend verschlechtert, und als wir an der Talstation ankamen, herrschte dort sehr böiger Wind. Diesmal hatte man jedoch freundlicherweise bereits am Eingang der Station eine Hinweistafel angebracht, daß die Seilbahn wegen des starken Windes außer Betrieb war. Da in Asahidake außer der Seilbahn keine weiteren Möglichkeiten zum Zeitvertreib vorhanden waren und wir erst um 15 Uhr in unserem Hotel einchecken konnten, blieb uns nichts anderes übrig, als zunächst wieder nach Asahikawa zurückzufahren.

Um ca. 16  Uhr kamen wir wieder beim Hotel an. Mittlerweile war es nicht nur windig, sondern es hatte auch zu regnen begonnen. Ein Mitarbeiter kam uns bereits an der Tür entgegen und nahm uns unser Gepäck ab, um es auf einem Transportwägelchen in unser Zimmer zu bringen. Das Zimmer war sehr geräumig, mindestens doppelt so groß wie die bisherigen Hotelzimmer und natürlich im japanischen Stil eingerichtet, mit Tatamimatten und niedrigem Tischchen, aber auch mit allen Annehmlichkeiten, die in japanischen Hotels üblich sind: Wasserkocher, Fernseher, Telefon, großer Kühlschrank, in dem sich eine große Kanne mit eisgekühltem Wasser befand.

 

 
Auf dem Tischchen stand ein Tablett mit Teegeschirr, drei einzeln verpackten Begrüßungskeksen und einer Dose mit etlichen Beuteln grünen Tees. Im Schrank fanden wir neben Handtüchern auch die üblichen Yukatas vor, von denen uns immer noch nicht klar ist, wann man sie nun eigentlich trägt. In einem weiteren Schrank befanden sich die Futons und Bettdecken. Nach wenigen Minuten kam der Hotelangestellte mit unserem Gepäck und reichte uns die Taschen über die Stufe im Eingangsbereich hinauf. Diese Vorgehensweise ist sehr sinnvoll, denn in dem schmalen Eingangsbereich, in dem man als echter Japaner die Schuhe so an- und auszieht, daß der obere Bereich nur in Socken und der untere Bereich nur in Schuhen betreten wird, noch mit Taschen zu hantieren, wäre etwas umständlich und eng geworden.
 

 

Da das Wetter keine Außenaktivitäten erlaubte, stürzten Gesine und ich uns gleich in das Abenteuer Onsen. Keiner von uns war je in einem japanischen Bad gewesen, und wir wußten nur, daß man sich üblicherweise sehr intensiv wäscht und daß Frauen und Männer zumeist getrennt und nackt baden. Allerdings waren auf dem Lageplan des Hotels nur die Umkleideräume nach Geschlechtern getrennt eingezeichnet, das Onsen war als ein großer, von beiden Umkleideräumen zugänglicher Raum eingezeichnet. Das verwirrte uns. Sollte es sich um eines der wenigen gemischten Onsens handeln? Wenn ja, badete man gemeinsam nackt oder war Badebekleidung angebracht? Würden unten Handtücher bereitgestellt, oder mußte man seine eigenen mitbringen? Und was trug man auf dem Weg zum Onsen? Schuhe oder die Hausschlappen? Normale Kleidung oder den Yukata? Gesine und ich begaben uns todesmutig in normaler Kleidung und Hausschlappen und mit Badeanzug und Handtuch bewaffnet ins Erdgeschoß. Am Eingang zur Frauenumkleide stand ein einziges Paar Schuhe, und zwar normale Sommersandalen. Die Schlappen schienen also nicht ganz richtig gewesen zu sein. Möglicherweise waren diese Schlappen aus dem Eingangbereich unseres Zimmers nur als Toilettenlatschen gedacht? Egal. Wir zogen sie aus und gingen in die Umkleide. Dort gab es im Vorraum Körbe für die Kleidung und an der gegenüberliegenden Wand Waschbecken, auf denen diverse Reinigungs- und Feuchtigkeitsemulsionen standen, und einen „Bürstensterilisator“, ein Kasten, der an eine Mikrowelle erinnerte, nur daß der Innenraum mit Blaulicht beleuchtet war und Haarbürsten enthielt. Wir zogen uns aus, und da ein erster Blick hinter die Schiebetür noch keinen Aufschluß darüber erlaubte, ob Badebekleidung angebracht war oder nicht, zogen wir die Badeanzüge an und begaben uns in den nächsten Raum. Dieser enthielt neben mehreren Badebecken und einem kleinen Wasserfall etliche Ganzkörperwaschmöglichkeiten in japanischem Stil, also Duschschläuche, die maximal bis 150 cm Höhe reichten, Sitzschemel (man wäscht sich im Sitzen) und Schüsseln sowie mehreren Spender mit Seife, Shampoo u. ä (leider nur japanisch beschriftet, so daß nicht ganz klar war, was sich in welchem Spender befand). Als die einzige dort befindliche Japanerin aus dem Wasser stieg, sahen wir, daß die Badeanzüge nicht die richtige Wahl gewesen waren und zogen sie aus. Wir seiften uns für unsere westlichen Verhältnisse gründlich ein und spülten uns mehrmals ab, da die Japanerin inzwischen den Raum verlassen hatte, übertrieben wir es allerdings auch nicht mit der Reinlichkeit und hielten mehr als zwei Waschgänge für nicht erforderlich.

Neben den Becken in diesem Raum gab es noch eine Tür nach draußen, die zu einem Außenbecken führte. Die Größe der Anlage und das Fehlen weiterer Zugänge belegten, daß auch der Badebereich nach Geschlechtern getrennt war. Offensichtlich war dies für die Japaner so selbstverständlich, daß sie es nicht als notwendig erachtet hatten, die Trennwände im Lageplan einzuzeichnen.

Die Becken im Innenbereich hatten verschiedene Temperaturen, die sich jedoch nur um wenige Grad unterschieden (ich glaube, es waren 41,5 und 43 Grad). Die Temperatur des Außenbeckens war nicht angeschrieben, lag jedoch ebenfalls in diesem Bereich. Die Becken waren nur ca. einen halben Meter tief, so daß der Kopf noch aus dem Wasser ragte, wenn man auf dem Boden saß. Insgesamt fand ich das Becken in der Außenanlage am angenehmsten, zum einen, weil es dort deutlich leiser war als im Innenraum, in dem insbesondere der Wasserfall doch recht viel Lärm machte, und zum anderen, weil die frische Außenluft einen angenehmen Kontrast zum heißen Wasser darstellt. - Insgesamt muß ich sagen, daß ich den Wechsel zwischen Heiß und Kalt und Naß und Trocken, den ich aus deutschen Saunen gewohnt bin, vermißte. Es gibt im Onsen nur heißes Wasser, sonst nichts. Ich duschte zwar mehrfach kalt, aber das war wohl eigentlich nicht so vorgesehen, denn es gab keine rein kalten Duschen, sondern ich mußte die zur Reinigung vorgesehenen Sitzduschen verwenden und auf kalt stellen. Das heiße Wasser scheint auch den Kreislauf stärker zu belasten als die Sauna. Jedenfalls war mir beim Aufstehen aus dem Wasser mehrmals schwindelig, was ich aus der Sauna nicht in diesem Maße gewohnt bin. - Aber trotzdem war es natürlich ein interessantes Erlebnis.

 

Noch interessanter war jedoch das Abendessen. Wir hatten Halbpension gebucht, weil nichts anderes möglich war (und da es auf diesem Berg keine anderen Verpflegungsmöglichkeiten als die Hotels gibt, ist dies eigentlich auch recht sinnvoll), und natürlich damit gerechnet, typisch japanisches Essen vorzufinden. Doch die Mahlzeit übertraf alle Erwartungen. Wir hatten das Abendessen für 18.30 Uhr vereinbart, und als wir um diese Uhrzeit im Speisesaal ankamen, saß dort nur ein einziges Paar, das offensichtlich bereits um 18 Uhr  mit dem Essen begonnen hatte. Außer unseren Plätzen war auch nirgendwo sonst gedeckt, so daß keine weiteren Gäste zu erwarten waren. So waren wir bald mit der Bedienung allein, die die meiste Zeit in 2 Meter Abstand von uns stand, um uns jeden Wunsch von den Augen abzulesen. Uns wäre es allerdings lieber gewesen, sie hätte dies nicht getan, denn unser Kampf mit den uns vorgesetzten Nahrungs(?)mitteln wurde durch das ständige Gefühl, beobachtet zu werden, nicht gerade leichter.

Auf unserem Tisch stand für jeden von uns eine Vielzahl verschiedener Schüsselchen mit Inhalten in allen Formen und Farben, wobei nicht immer deutlich zu erkennen war, ob das Produkt tierischer oder pflanzlicher Herkunft war. Definitiv vorhanden waren: Roher und gebratener Fisch, Krabbenbeine, Mollusken, Tofu, zwei Eiergerichte, eines davon puddingartig mit leicht fischigem Geschmack, eine Misosuppe mit Pilzen und Brennessel(?)blättern, Thunfischsalat mit unbekanntem grünen Gemüse, je ein undefinierbares rotes und rosafarbenes „Dings“, Reis natürlich, grüner Tee sowie je eine Orangen- und Grapefruitspalte. Die Krabbenbeine und die Mollusken befanden sich in einer Brühe in einer abgedeckten Schüssel auf einem Stövchen, unter dem die Bedienstete bei unserer Ankunft einen Brennwürfel entzündete. Ich selbst versuchte zuerst, den gebratenen Fisch ohne Haut zu essen, was nur mit Stäbchen nicht so einfach ist. Ich hielt ihn mit den Stäbchen fest und versuchte, ihn „abzuzuzeln“, die Blicke der Frau bewogen mich dann jedoch, das zweite Stück des Fisches vollständig zu verzehren. Der rohe Fisch ließ sich mit viel Wasabi (leider gab es nur einen erbsengroßen Klecks für jeden) essen, und auch die Misosuppe war verzehrbar, auch wenn ich das darin enthaltene Tofustück ein wenig schleimig fand. Auf den Topf mit den Krabbenbeinen und der Jakobsmuschel verzichtete ich vollständig, während meine wagemutigeren Begleiter sich zumindest an den Krabbenbeinen versuchten. Der Thunfischsalat galt allgemein als eßbar. Der Reis und das Obst natürlich ebenfalls. – Insgesamt hatten wir sehr viel Spaß, wir stellten Theorien über die verschiedenen Produkte auf, beobachteten uns gegenseitig beim Probieren verschiedener Speisen und wurden nicht müde zu erwähnen, wie unangenehm es doch sei, ständig beobachtet zu werden. Zum Glück verließ die Hotelangestellte wenigstens hin und wieder den Raum, denn mein Hauptproblem bestand darin, daß meine Nase zu laufen begonnen hatte, und ich nicht nach Japanerart den Rotz hochziehen wollte, aber auch nicht die arme Frau anekeln wollte, indem ich mir in ihrer Gegenwart am Eßtisch (!) die Nase schneuzte. Gesine dagegen kämpfte wohl eher mit den für sie ungewohnten Stäbchen …

Ganz zum Schluß meinte mein Mann noch, die beiliegende Blüte sei nicht nur als Zierde gedacht, sondern man könne sie auch essen. Als alter „Jäger und Sammler“, der bei jedem Spaziergang nach Eßbarem am Wegesrand Ausschau hält, ließ ich mir das natürlich nicht zweimal sagen und biß beherzt in die Blüte – nur um sie danach in eine Serviette zu spucken. Sie war so bitter, daß es sich dabei nur um Medizin oder um Gift gehandelt haben kann. Den Geschmack hatte ich noch eine Viertelstunde später im Mund. – Als ich im Verlauf des Abends immer wieder mehrfach unter Lachen darauf hinwies: „Und morgen gibt es Frühstück!“, schrieben meine Begleiter dies dem zumindest partiellen Verzehr dieser Blüte zu.

Als wir auf unser Zimmer gingen, mußten wir feststellen, daß es in unserer Abwesenheit betreten worden war: Jemand hatte den Tisch beiseite geschoben und die Futons ausgerollt. Das war uns ein wenig peinlich, denn wir hatten das Zimmer in einem ziemlichen Chaos verlassen.

 

 
Die Nacht war zunächst noch stürmisch, der Wind ließ dann jedoch gegen morgen nach und machte Nebel Platz.

Beim Abendessen hatte ich ja leider meinen Fotoapparat nicht dabeigehabt. Diesen Fehler machte ich beim Frühstück nicht noch einmal.

 

 

Es gab wieder ein Stövchen, in dem diesmal allerdings keine Muschel-Krabben-Suppe, sondern Spiegelei mit Speck und Sojasprossen gegart wurden. Die Misosuppe sah mir diesmal zu schleimig aus, so daß ich sie nicht einmal probierte. Am spannendsten war jedoch das „Schatzkästchen“, bei dem ich den Deckel jedoch unmittelbar nach dem Fotografieren wieder schloß, da mir keine der 12 darin enthaltenen Köstlichkeiten eßbar erschien. Thomas war der einzige von uns, der sich daran versuchte. Er aß die süßen Bohnen (rechts unten) und probierte jeweils eine der eingelegten Pflaumen (links oben und rechts oben). An dem Objekt links unten, bei dem es sich vermutlich um ein Organ eines Fisches handelte, leckte er nur und legte es dann zurück. Danach war ihm die Experimentierfreudigkeit vergangen, so daß er sich nicht an die Schrumpelgurken (Mitte rechts) wagte. Den rohen Ika (Mitte links), der uns aus Hakodate bekannt war, mied er natürlich von vorneherein.

 

 
Auch diesmal genossen wir die nahezu vollständige Aufmerksamkeit der Bedienung, was wie am Vorabend große Heiterkeit bei uns hervorrief. Wie wir spätestens beim Abendessen festgestellt hatten, waren wir offensichtlich genau zu einer absoluten Flautezeit in das Hotel gekommen. Vermutlich war die Skisaison zwei Wochen zuvor (vor Beginn der Wartungsarbeiten an der Seilbahn) zu Ende gegangen, und die Sommersaison hatte noch nicht begonnen. Es wäre interessant gewesen zu sehen, wieviel Schnee noch auf dem Berg lag, aber es war uns nicht vergönnt, denn angesichts des dichten Nebels, wollten wir nicht die 1.800 Yen für eine Seilbahnfahrt ausgeben, die uns vermutlich auf einen Berg führen würde, auf dem wir kaum die Hand vor Augen sehen würden, und machten uns statt dessen langsam und gemütlich auf den Weg nach Chitose.

 
Zurück zur Startseite